Ein Meer von blauen Gedanken

Pressebericht aus travemuende.netz

Putzfrau Anna erspäht ein neues 'Opfer' (Foto: Bernd Scheel/Trave Webdesign)

»… Es muss ja gemacht werden…«, grantelt die Putzfrau vor sich hin und wuselt mit ihrem Staubwedel über Spaziergänger und Fahrräder. »Wenn wir’s zusammen machen würden, wär’s einfacher.« Aber in Wahrheit ist Putzfrau Anna gar nicht grantig und das Putzen bereitet ihr offenbar einen Riesenspaß. Entkommen kann ihr niemand, denn die Passanten werden durch eine Wegverengung aus blauen Flaschen mit gelben Tulpen geleitet. Derweil ist Birgit mit der orangen Sicherheitsweste unermüdlich mit ihrem großen Thermometer und den blauen Kühlaggregaten unterwegs und legt den Leuten nahe, die Ostsee mit den kalten Plastikbehältern runterzukühlen, wenn sie sich zu sehr erwärmt… Das Runzeln vieler Stirnen deutet den Beginn eines Denkprozesses an…

Birgit im Kampf gegen die Ostseeerwärmung (Foto: Bernd Scheel/Trave Webdesign)

Wem das alles zu hektisch ist, der sollte sich an Pinar Sario halten, die in einem blauen Sessel sitzt und Heine rezitiert: »Ein Meer aus blauen Gedanken, ergießt sich über mein Herz.« Das ist – natürlich – aus Heines »Blauen Gedichten«.

Zur Feier des Tages hat sich auch die Ostsee hübsch blau gemacht. Vom Brodtener Ufer aus kann man das besonders gut genießen. Da unten kreuzt die »Johanne«, ein alter Zweimaster aus den Beständen des Lübecker Museumshafens und selbst Johanne ist erblaut mit lauter blauen Fahnen. Doch Halt, das sind keine Fahnen, sondern Taschen und auf den Taschen steht »Meine Stimme für die Ostsee«. Da steht auch »Min röst för Östersjön«, das ist Schwedisch, und noch viel mehr Sprachen: Alle Sprachen der Ostseeanrainerstaaten.

Blaue Gedichte von Heinrich Heine (Foto: Bernd Scheel/Trave Webdesign)

Was hier im und um das »Haus Seeblick« des Lübecker Jugendrings in einer Matinee am Sonntag Mittag vorgestellt wurde, ist das Ergebnis der einwöchigen Arbeit von Jugendlichen der Ernestinenschule (Lübeck) und aus Danzig unter Mithilfe des theaterpädagogischen Vereins »dell’arte« aus Hamburg. Mit ihrer Aktion wollen sie auf den »bedrohten Lebensraum Ostsee« hinweisen (siehe auch »Travemünde .Netz« vom 16.04.2008: »Die verpackte Ostsee«). Dafür haben Sie sich auch an die Verpackungskünstler Christo und Jean Claude angelehnt, aber die steife Brise aus Ost ließ nur eine teilweise Verhüllung des Hauses mit den blauen »Meinungstaschen« zu.

 

Da hielt sogar der Ostwind den Atem an: 'Lübecks Freibeutermukke' (Foto: Bernd Scheel/Trave Webdesign)

Phonstarke Unterstützung erhielten sie dabei vom »1. Lübecker Fanfarenzug«, der diesen Namen aber nur noch aus traditionellen Gründen führt. Die Uniformen der kanadischen Rangers haben sie abgeschafft – »zu teuer und nicht mehr zeitgemäß« – so ihr »Admiral« Klaus Petersen, nennen sich jetzt, entsprechend phantasievoll austaffiert, »Lübecker Freibeutermukke« und haben sich zur »marschmusikfreien Zone« erklärt. Demnächst wollen sie sich noch den Gleichschritt abgewöhnen. Weiter so! Die Brasilaner können sowas auch ohne Gleichschritt, Takt reicht.

 

CO2-freier Transport von Spaziergängern am 'Haus Seeblick' (Foto: Bernd Scheel/Trave Webdesign)

Der »Admiral« Klaus Petersen ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Travemünder CDU-Kandidaten gleichen Namens für die Kommunalwahl, der mit Burkhart Eymer (ebenfalls CDU) der Matinee beiwohnte. Ebenfalls erschienen war – um der kommunalpolitischen Ausgewogenheit in der Wahlkampfberichterstattung die Ehre zu geben – Lilo von Holt (Bündnis 90/Die Grünen), und auf der »Johanne« unterstützte Jan Lindenau (SPD) die Aktion der Jugendlichen. Unbeeindruckt von all dem putzte Anna weiter. »Das kann ja nicht nur Sache der Hausfrauen sein… Da müssen wir doch alle mithelfen, damit die Ostsee sauber bleibt.« Und die vielen Geputzten gaben ihr Recht. Und hatten obendrein noch viel Spaß.

Leo Leuchtturm
(aus travemuende-netz)

 

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